Flucht und Vertreibung – Vortrag über die Familien Marcks, Petersen und Krull


Wie erhofft fand die Ankündigung des Themas ein breites Interesse. 54 Stühle mussten ins Atrium gestellt werden, damit alle Teilnehmer ihren Platz fanden.

Als Ute Marcks als viertes Kind des Bildhauers, Grafikers und Zeichners Gerhard Marcks und dessen Frau Maria, 1943 den Bildhauer Klaus Petersen heiratet, schenken ihr die Eltern Marcks ihr Sommerhaus in Niehagen, die B 14, zur Hochzeit, das sie selbst vor langer Zeit 1929 von Anna und Clara Ahrens, den beiden Tanten von Annemieke aus der „Herrgottsuhr“ von Käthe Miethe, die ihnen damit ein verdientes Denkmal setzt, erworben haben.

Dort wird Ende 1944 Maria-Katharina geboren.

Heute berichtete sie uns in großer Offenheit über Damaliges und Heutiges dreier Familien, zeichnet damit beeindruckend und bewegend Wege deutscher Geschichte nach. Das Menschliche stellte sie dabei in den Mittelpunkt, nicht vordergründig das Politische.

Im November 1943 musste die B 14 ihren Großeltern wieder Unterkunft bieten, deren Wohn- und Atelierhaus in Berlin nach einem Bombenangriff in Schutt und Asche lag. Nach seiner Zeit seit 1919 am Bauhaus, leitete Großvater Marcks ab 1925 auf der Burg Giebichenstein in Halle die Bildhauerklasse und war dort bis zu seiner Abberufung 1933 durch die Nazis Direktor. Nun also musste in Niehagen in der B 14 ein einziger heizbarer Raum drei Erwachsenen und einem Kind Unterkunft sein, im Februar 1945 kam noch eine vierköpfige Flüchtlingsfamilie dazu, im März noch einmal eine Frau mit 2 kleinen Kindern. 1946 folgte Marcks einem Ruf an die Landeskunstschule Hamburg, dadurch entspannte sich in Niehagen die Lage etwas.

Maria-Katharinas Vater Klaus Petersen geriet im Januar 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, sie lernte ihn erst Jahre später kennen.

Die Ehe hatte keinen langen Bestand. Mutter Ute ging 1951 in die Bundesrepublik, kam aber 1954 wieder, neu verheiratet. Bis zur endgültigen Flucht wuchs Maria-Katharina nun auf einem Niehäger Bauernhof auf, auf der Hufe I. Zwei Brüder ihres Stiefvaters waren ebenfalls Bauern, auf den Hufen II und IV. Die Familie Krull war groß. Einerseits glückliche Kinderjahre, auch in der Schule, von ihrer Lehrerin Erne Wehnert schwärmt sie heute noch ebenso wie andere, andererseits waren es die Jahre der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft, die unter den Bauern eine regelrechte Fluchtwelle auslösten. Als sich die Abriegelung der Grenze abzeichnete, verließ Mutter Ute im April 1961 zusammen mit ihren beiden Kindern auf konspirativem Weg die DDR, Anfang Juni gelang der Restfamilie die Flucht.

Damit nicht genug, auch die Familie Petersen kam nicht problemlos durch die Zeiten. Der Betrieb von Großvater Petersen in Halle, den seine Frau nach dessen 1945 gewaltsamen Todes durch die sowjetischen Besatzer weiterführte, wurde 1952 verstaatlicht, kam nach der Wende an die Treuhand, die ihn abwickelte.

Und über noch eine Enteignung musste uns Maria-Katherina berichten, mit einem Zeitsprung zurück, in die braune Zeit: Familie Marcks fuhr zur Sommerfrische des öfteren in die Berchtesgadener Alpen, auf den Obersalzberg, wo die Eltern von Maria-Katharinas Großmutter Maria seit 1895 das Unterwurflehen besitzen. Seit 1923 machen sich Hitler und die Seinen auf dem Obersalzberg immer breiter, Grund und Immobilien wurden in den Folgejahren mit Drohungen und Gewalt angeeignet, 1937 existierte das Dorf nicht mehr. Es entstand Hitlers Berghof als Machtzentrale, abgeschottet durch den Führersperrbezirk. Die Urgroßeltern wurden bereits 1933 zum Verkauf aufgefordert und gaben 1934 schließlich nach als das noch möglich war. Bei dieser Enteignung wurde sogar noch ein Bruchteil des Wertes gezahlt.

Als Fazit: die Marcksens, die Petersens, die Krulls haben ihre Haut retten können – formuliert Maria-Katharina – alle haben sich ein neues Leben aufbauen können. Möglich wurde es durch einen freiheitlichen Staat, in dem auch nicht alles gut ist, aber: weder extrem rechts noch extrem links finden wir das versprochene Heil.

Recht hast Du, Maria-Katharina! Wir haben hier etwas ausführlicher über diesen Abend berichten können, weil Du uns schon vor längerer Zeit Dein Manuskript schicktest. Trotzdem bleibt manches natürlich nur in den Ohren der Zuhörer, oder wird aus dem Manuskript noch ein gedrucktes Manuskript? Lesenswert wäre jede Zeile.

Das „Du“ in diesen Zeilen sei noch kurz erklärt: Die heutige Gisela Seibt war als Gisela Drews Schulkameradin der heutigen Referentin Maria-Katharina Petersen-Rauhaus, der früheren Maria-Katharina Petersen. Beide trafen sich vor einigen Jahren am Ende einer Reha-Kur in Ahrenshoop zufällig wieder. Welch ein glücklicher Zufall: Reha für eine neue Hüfte bzw. ein neues Knie an einem Ort, der für beide Heimat geblieben ist. Da kamst Du aus Wolfsburg, wo ihr im Ortsteil Heiligendorf nunmehr schon seit über 40 Jahren auf dem wunderbar wieder hergerichteten denkmalsgeschützten Fachwerkhof Welkensiek, den es seit 1822 gibt, inzwischen in der zweiten Generation eine Islandpferdepension mit Reitschule und einen Biolandbetrieb betreibt. Islandpferde – das würde Erne Wehnert in Hochstimmung versetzen. 1993 kam Randstjarna als erstes Islandpferd auf das Fischland, als Euer Hochzeitsgeschenk für Olaf und Marie Fretwurst. Daraus entstand in Niehagen der heutige Islandpferdehof Fischland. Randstjarna ist erst kürzlich im Alter von 33 Jahren gestorben.

Erne Wehnerts Leben und ihre Islandbriefe waren schon Gegenstand beim Käthe-Miethe-Stammtisch, hier im Kunstmuseum gab es darüber eine Ausstellung, ein kleiner Film ist entstanden. Die Pferde spielten bisher nur in ihren Briefen eine Rolle. Nun sind sie auch hier auf dem Fischland heimisch geworden.

Ein Schlussgedanke: Die B 14 ist seit 2019 das Gerhard-Marcks-Künstlerhaus Niehagen. Das ist vor allem Mareike und Tosten Frühauf zu verdanken. Danke! Es hat nun die Adresse Gerhard-Marcks-Weg 5. Ein wunderbares Weiterleben einer alten Büdnerei.

Im Garten steht die 3 m große Marcks-Skulptur „Der Rufer“, 700 kg Weltkunst als Dauerleihgabe am Bodden. Herrlich. Das Original in Bremen, weitere Güsse im australischen Perth, in Berlin, in Essen und in Frankfurt am Main. Ursprünglich war das nun in Niehagen stehende Exemplar für Washington gedacht – als Gegenstück zu dem „Rufer“, der seit 1989 in Berlin auf dem Mittelstreifen der Straße des 17. Juni steht, wo man im Sockel lesen kann „Ich gehe durch die Welt und rufe: Friede, Friede, Friede!“. Aber das ist eine andere Geschichte. Die wurde im November 2022 beim 66. Stammtisch von Mareike und Torsten Frühauf unter dem Gerhard-Marcks-Zitat „Es geht von meinem Haus ein Pfad …“ erzählt, als uns die beiden die neue B 14 vorstellten. Nun gingen wir heute noch einmal auf diesem Pfad und lernten manch Neues kennen.

In Althagen können wir am Zugang zur Niemannschen Hufe X auf den „Seeadler“ von Gerhard Marcks treffen. Und: In Wustrow haben wir in unserem Eßzimmer einen ständigen Blickkontakt mit einem seiner Holzschnitte, derzeit ist dort auf einer Postkarte „Eissegeln“ von 1946 aktuell. Wir sollten wieder einmal wechseln.

Es gibt eben viele Pfade zu Deinem Großvater, Maria-Katharina.

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