Johannes R. Becher – der Kulturbund-Treuhänder des Dünenhauses

mit Gisela und Dr. Helmut Seibt, Wustrow


Wir setzen unsere Zeitreise in die Jahre fort als Ahrenshoop zum Bad der schaffenden Intelligenz werden sollte. Mit Bredel kam auch Becher 1945 nach Deutschland aus dem Moskauer Exil zurück, sie gingen in die Sowjetische Besatzungszone. Beide wandten sich dem kulturellen Wiederaufbau zu, der demokratischen Erneuerung, wie es der von ihnen gegründete Kulturbund auch in seinem Namen führte. Bredel wurde in Mecklenburg tätig, Becher blieb in Berlin.

Ihr Projekt, Ahrenshoop zu einem Kulturbundbad für ganze Deutschland zu entwickeln, gingen sie tatkräftig an. Im Ort konnte der Kulturbund mehrere Häuser als Treuhänder übernehmen. Das Dornenhaus kam unter Bredels Regie, das Dünenhaus unter die von Becher. Nachdem wir uns vor einem Monat mit Bredel (1901 – 1964) beschäftigt haben, soll nun Becher (1891 – 1958) im Mittelpunkt stehen.

Becher hat bis dahin schon ein an Höhen und Tiefen reiches Leben hinter sich: Als Sohn eines Landesgerichtspräsidenten in München wollte er ursprünglich Offizier werden, begann nach einem Selbstmordversuch mit schweren Folgen dann aber ein Studium, das er bald wieder abbrach, trat mit expressionistischen Gedichten hervor, führte ein Leben, das u.a. seine Morphiumabhängigkeit begründete, schrieb Prosa, engagierte sich politisch, wurde Mitglied des Spartakusbundes, dann der KPD, war Kulturredakteur der „Roten Fahne“, Reichstagsabgeordneter. 1928 ist er Mitbegründer des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, 1933 emigriert er, erst in die Schweiz und nach Frankreich, dann in die Sowjetunion, 1935 reist er nach Paris, wo er mit H. Mann, Brecht, Seghers, Bloch, Leonhard, Kirsch, Andersen-Nexö u.v.a. am Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur teilnimmt und eine flammende Rede hält, in Moskau erlebt er die Stalinistischen Säuberungen, denen auch viele deutsche Emigranten zum Opfer fallen, 1941 wird er mit allen deutschen Emigranten nach Taschkent evakuiert, 1942 kann er nach Moskau zurückkehren, die Zeitschrift “Internationale Literatur“ kann wieder erscheinen, 1943 ist er unter den Gründern des Nationalkomitees „Freies Deutschland“, 1945 kehrt er in die Heimat zurück und reiht sich in die Arbeit zum Neuaufbau ein.

Mit dem Fundstück dieses Monats „Stegreifspiel im Fischland“ von 1934 schildert Käthe Miethe, wie „wir eine Rundfunksendung vom Fischland gemacht“ haben.

Für diesen Stammtisch bieten wir kein „Vorbereitungs-Kaffeetrinken“ an, da wir verreisen.


Nach dem zu Anfang vorgetragenen Fundstück 25 „Stegreifspiel im Fischland“, in dem Käthe Miethe die erste Radiosendung beschreibt, die 1934 aus einem Althäger Gasthaus übertragen wurde, und die uns mit einigen der damaligen Einwohner bekannt machte, fand der Stammtisch erstmalig „im Singular“ statt: Die 11 Teilnehmer fanden dann alle an einem Tisch Platz, wenn dieser auch aus mehreren zusammengestellten kleinen Tischen bestand. Es entstand dadurch eine noch gemütlichere Atmosphäre als sonst, wir waren uns eben näher.

Johannes R. Becher war diesmal unser Thema. Sein Wirken nach 1945 in Ahrenshoop als Treuhänder des Dünenhauses, worauf die Einladung abzielte, kann aber nicht als abgeschlossenes, kleines Intervall dieses Dichterlebens isoliert betrachtet werden.

Nach Ahrenshoop kam er als über 50-jähriger. Was da an Höhen und Tiefen alles schon hinter ihm lag, beschäftigte uns zunächst. Heute liegt vieles davon ausgebreitet vor uns. 25 seiner Ahrenshooper Gedichte sind in kleiner Auflage erschienen, es gibt vielbändige Werkausgaben (Auswahl in 6 Bänden, Gesammelte Werke in 18 Bänden), eine umfassende Biographie ist mit 861 Seiten 1988 im Aufbau-Verlag erschienen, die Zeitschriftenaufsätze über ihn lassen sich wohl nicht mehr überblicken, allein im „Spiegel“ finden sich davon 13, zwischen 1947 und 1999.

Die in der Einladung zu diesem Stammtisch angesprochenen Lebensdaten wurden aufgegriffen und durch Beispiele und Zitate angereichert: Die Lieblosigkeit im Elternhaus, die beiden frühen Suizidversuche, denen später noch einer in der Emigration folgte, der Pariser Schriftstellerkongress 1935, die 1934 schon begonnenen Stalinschen Säuberungen und deren Auswirkungen auf die deutschen Emigranten, das Kriegserlebnis, die Rückkehr nach Deutschland, der Versuch den Kulturbund für eine demokratische Entwicklung in ganz Deutschland zu nutzen, die Auswirkungen des Stalinismus in der DDR, das PEN-Zentrum als Schriftstellervereinigung, das Entstehen der Nationalhymne, die Aufführung von Bechers „Winterschlacht“, die Formalismusdiskussion, die Rolle von Georg Lukács, der Prozess gegen Janka, Becher als ZK-Mitglied und als Kulturminister, sein „Nachruhm“.

In allem findet sich Becher sowohl als Suchender und Zweifelnder, aber auch als die sozialistische Perspektive Bejahender, als Parteisoldat, als Stalin- und Ulbricht-Hymnen-Schreiber.

Sein Leben und sein Werk fielen bei vielen dem Vergessen anheim. Die Ahrenshoop-Gedichte, die wir in dem oben erwähnten kleinen Buch und in Bechers Tagebuch fanden, überzeugten uns dagegen: Diese Lyrik hat auch heute noch Bestand.

Über eine Person, die über Jahrzehnte derart im Brennpunkt stand und an der sich oft die Geister schieden, gibt es natürlich zahlreiche Erzählungen und Anekdoten. Manches entnahmen wir aus Bechers Tagebuch 1950, z.B. seine Version über das Stranden seiner Segelyacht im Bodden und die Angst im „Modder“ zu versinken (Ludwig Turek erzählt davon allerdings ganz anders), sein Angebot an Ernst Wiechert, wegen eines Pirols von Wolfratshausen nach Ahrenshoop umzusiedeln, die Buschiade über Ahrenshooper Urlauber, sein Gedicht „In Ahrenshoop Aufwiedersehn!“ oder den Zweizeiler „Sonne, Wind und Wellengang / Kinder ziehn den Strand entlang“.

Falls erforderlich, wird hier künftig ein Platz für Mitteilungen sein:

Der November-Stammtisch am 22.11. wird sich mit Leben und Werk von Georg Hülsse beschäftigen. Wir freuen uns, dass wir dazu Peter Hülsse begrüßen können, der uns seinen Vater vorstellen wird.

Angebot: Zum Dezember-Stammtisch könnten wir uns am Freitag, dem 16.12., um 17:30 Uhr in der Ahrenshooper Mühle treffen. Frau Bartoscheck würde für uns die Mühle länger öffnen. Wir können bei ihr etwas zu Abend essen und uns ansonsten mit den inzwischen üblich gewordenen Stammtisch-Getränken versorgen lassen. Unser Motto „Fischland literarisch – Aus Vergangenheit und Gegenwart“ wird zum Jahresende weihnachtlich aussehen. Wir bringen „passende“ Texte mit, vielleicht bringen Sie auch etwas mit, vielleicht Gegenwärtiges, vielleicht Eigenes …

(siehe auch: http://www.muehle-ahrenshoop.com)


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