Wortmeldung von Käthe Miethe, überreicht von Gisela und Helmut Seibt
Seit 2015 haben wir Sie bereits 99- mal eingeladen, danach den einen oder anderen Gedanken zu den Stammtischen jeweils in Resümees festgehalten, seit 2019 monatliche Newsletter verschickt, die wir ab 2022 Affisen nannten. Mit dieser Vorgeschichte laden wir nun zum 100. Stammtisch ein. Lassen Sie uns gemeinsam zurückblicken.
Überraschend hat sich dazu auch unsere Namenspatronin zu Wort gemeldet. Hören wir ihr zu und trinken wir mit ihr einen Schluck auf das erreichte Jubiläum.
2015 hätten wir 100 Stammtische wohl für eine Illusion gehalten, nun haben wir diese Linie erreicht. Ungewöhnlich war, dass wir vorher 13 Glückwünsche erhalten haben und dann auch noch zwei Blumensträuße. Mit den Glückwünschen waren leider auch Entschuldigungen aus unterschiedlichsten Gründen verbunden, so dass zum Stammtisch selbst nur 28 Teilnehmer kamen.
Aus dem Rückblick auf die vergangenen Stammtische sollen hier noch einmal einige Zahlen festgehalten werden, die gezeigten Folien enthielten einfach zu viele.
Bei der ersten 99 Stammtischen konnten wir 2699 Zuhörer zählen. Die Themen wurden bisher von 62 Akteuren gestaltet, die insgesamt aus 24 Orten kamen, nicht alle waren auf dem Fischland zu Hause. Zu allen Stammtischen gibt es Resümees, seit 2019 erscheinen monatliche Newsletter, die wir ab 2022 Affisen nennen. Vorläufer war die monatliche Fundstücke-Reihe, in der zwischen 2015 und 2020 in sieben Lesemappen 65 journalistische Arbeiten „Aus der Feder Käthe Miethes“ präsentiert wurden.
Bis heute konnten wir 4 Bücher mit Arbeiten Käthe Miethes herausgeben, einige als Erstveröffentlichungen, aus dem Nachlass. Der Versuch zur Rekonstruktion ihres Publikationsverzeichnises hat bisher Eintragungen.
Die vorgetragene Wortmeldung Käthe Miethes zum 100. Stammtisch haben wir ihr natürlich in den Mund gelegt. Mit dieser Art der Notation gestalteten wir schon einmal einen Text, den wir Käthe Miethe zuschrieben, den Adventskalender von 2023.
Käthe Miethe
Wortmeldung zum Hundertsten
– wenn Ihr es aushaltet, aufgeschrieben sind es 11 Seiten –
Das ist schon ein eigen Ding: das erste Centum des Käthe-Miethe-Stammtisches ist erreicht, die Hundert! Da möchte ich mich als Namenspatronin Eures Stammtisches doch einmal zu Wort melden.
Bei dessen Gründung am 13. Oktober 2015 ging das noch nicht. Bei Saatmanns trafen sich 14 Interessierte in Malchens Café. Ich konnte ja nicht kommen, ich lag schon über 54 Jahre in meinem Grab auf dem Fischländer Friedhof in Wustrow. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen wie langweilig das ist, dazu dunkel und eng.
Seitdem es aber seit 2011 auch noch jährlich die Käthe-Miethe-Tage gibt, welche Ehre, und dabei die Leute mich an meinem Todestag am Grabe besuchen, erzählen mir die Seibts immer das Neueste aus den letzten 12 Monaten. Das ist oft sehr interessant, leider aber passiv. Ich höre es wohl, kann aber nicht antworten. Ich bleibe aber wenigstens auf dem Laufenden.
Als ich dann aber in der Nacht vom 6. zum 7. Dezember 2023 in einem Traum die Fähigkeit erwarb, mich auf der Zeitachse sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft bewegen zu können, dabei alles sehen, alles verstehen und mit jedem reden kann, da hatte ich das große Los gewonnen und war wieder voll da. Seibts mussten das gleich in meinen damaligen Adventskalender aufnehmen und ausplaudern. Na, ja.
Also: Herzlichen Glückwunsch! Ich bleibe lieber beim Hochdeutschen, Ihr wisst ja, ich bin eine Isenbohnerin, aus Rathenow, dann Braunschweig und Berlin, meine Eltern auch – Vater aus Potsdam und Mutter aus Ascherode am Harz.
Was hat sich in den 100 Stammtisch-Sitzungen nicht so alles angesammelt. Da muss ich meinen Hut ziehen, wenn ich auch meist nur eine Kappe aufhatte. Gut, dass Ihr Euch als Motto „Fischland literarisch – gestern und heute“ von Anfang an gegeben habt.
Wie seid Ihr eigentlich auf den Namen Käthe-Miethe-Stammtisch gekommen, das ist ja fast schon Personenkult. Ihr wolltet mich also ehren. Den Personenkult habe ich in meinem Leben gleich mehrfach erlebt. Reden wir nicht davon.
Wie ich hörte, hat man Euch sogar vorgeworfen, Ihr würdet da nur Braunes aus weißen Tassen trinken. Seibts erzählten mir von einem Zeitungsartikel aus dem Brandenburgischen. Seid nachsichtig, der Autor wußte es nicht besser. Er übertrug wohl eine Formulierung, die ich gebrauchte, die für die heutigen Sitzungen aber denkbar unpassend wäre. Meine damaligen Vorsichtsmaßregeln, auch dass ich mich als Frau Wok oder Frau Sidol anreden ließ, hatten gegenüber urlaubenden Ohren einfach eine Schutzfunktion, hiesigen Ohren waren sie vertraut. Durch das Braune in den Tassen konnte ich mich auf die Unterhaltungsebene mit den alten Seebären bringen und so die Dinge erfahren, die ich für meine Arbeit an den Geschichten aus der Seefahrerei brauchte. So hatte „das Braune“ eben auch seine guten Seiten. Ich habe gehört, dass kleine Moccatassen mit „Braunen“ gelegentlich auch bei Euch zur Zeremonie gehören, wenn Ihr mich an den jährlichen Miethe-Tagen besonders ehren wollt. Heute habe ich auch schon kleine weiße Becher gesehen, das ist natürlich einfacher. Wir sind ja aber nicht bei Malchen.
Für den Namen ist den Gründern des Stammtisches wohl nichts besseres eingefallen. Vielleicht ist diese Mehrdeutigkeit aber auch gut. Literaturkreis, Salon usw. wäre wohl gänzlich aus der Zeit gefallen.
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Dabei ist der Stammtisch nach meiner Zeit nicht das erste Projekt, die Fischländer Geschichte nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Schon ich hatte mehrere Weggenossen, die dieses Ziel verfolgten, und wir fingen auch nicht bei Null an. Das wollen wir hier aber einmal ausklammern. Jetzt seid Ihr dran.
Vorläufer für den Stammtisch war bei Seibts zunächst das Beschäftigen mit der Geschichte meiner Familie, wobei für sie zunächst mein Vater im Mittelpunkt stand, seine Farbfotographie, seine Expeditionen, seine Goldsuche. Nach längerem Suchen fanden sie dazu doch einige Archivalien: Recht wenig in den Gemeinden Ahrenshoop und Wustrow, mehr im Archiv des Hinstorffverlags in Rostock und in dem des heutigen Deutschen Bernsteinmuseums in Ribnitz, noch mehr im Archiv der damaligen Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin.
In Ahrenshoop hatte die Gemeinde sogar schon eine Ausstellung über mich gemacht. Das heutige Fischländer Archiv, dessen Grundstock das Archiv von Friedrich Schulz ist, das die Gemeinde angekauft hat, enthält über mich aber nicht sehr viel. Ich bin damals ja auch überraschend gestorben, da war noch nichts für die Ewigkeit vorbereitet und geordnet, lediglich ein Testament hatte ich gemacht.
Als Alleinerbin habe ich Inge Lettow benannt, meine langjährige Lebensgefährtin. Für das Haus, meine geliebte B 54, gab ich ihr auf, dass Frieda und Robert Schütz ein lebenslanges Wohnrecht eingeräumt wird, was auch bald vertraglich geregelt wurde. Danach sollte das Haus Berti Wettstein-Denzin erhalten, deren Sohn Jochen mein Patenkind war. Für „Unterm eignen Dach“ hätten sich daraus einige weitere Kapitel ergeben. Jochen hat später sein Erbe ja auch angenommen, sich sehr um das Haus gekümmert, wenn er auch die Wirkung nach außen stets auf kleiner Flamme gehalten hat. Aus seiner Berliner Zeit hätte er sicherlich viel mehr einbringen können. Schade auch, dass er mit Seibts keinen gemeinsamen Faden spinnen konnte, sich sogar eines Tages zu einem Haus- und Hofverbot hinreißen ließ. Wie ich hörte, ist er inzwischen verstorben, lassen wir ihm also seinen Frieden, leider im Mare Balticum, wohin er auch wollte, und nicht in meine Nähe, zu mir auf den Friedhof.
Elke Erdmann hat bei einem Stammtisch sein Manuskript „Mein Zugang zur Schriftstellerin K.M.“ vorgestellt, dessen Publizierung er sich gewünscht hat. Zunächst lernten es 44 Zuhörer kennen, Hinstorff soll es zum Druck angeboten werden. Ich bin dort mit mehreren Büchern immer noch gut vertreten, sogar in der noblen Weißen Reihe. Mein Fischlandbuch erfährt immer wieder neue Auflagen, Eva-Maria Buchholz, die derzeitige Chefin, hat ihm sogar mit „Longseller“ ein Alleinstellungsmerkmal verliehen.
Über die Jahre habt Ihr beim Stammtisch schon mehrfach Verstorbenen ein Gedenken gewidmet, meist von jetzt auf gleich. So ist das Leben eben. Außer Jochen Denzin sind das Claus Stier (2016), Wolfgang Schreyer (2017), Cornelia Crohn (2018), Marianne Clemens (2018), Renate-Petra Mehrwald (2020), Gunther Emmerlich (2023), Renate Billinger-Cromm (2024), Peter Dillwitz (2025) und Tilman Thiemig (2025). Alle haben interessante Spuren auf dem Fischland hinterlassen, auch bei Euch, beim Stammtisch.
Ich starb 1961, am 12. März. Schütz´ens zogen zum 1. August ein. Das Haus wurde schnell geräumt. Zum Glück konnten Sommergäste aus der Nachbarschaft noch einiges bewahren. Kurd von Bülow aus Rostock war mit seiner Familie langjähriger Sommergast in der B 53. Er teilte die Papiere auf und gab sie weiter nach Ribnitz und nach Berlin. In Berlin soll seit Jahrzehnten ein Findbuch die Nutzung des halben Archivmeters zum Stichwort Miethe erleichtern, in Ribnitz haben Seibts über Jahre ein Findbuch erstellt, auch
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mit 101 Glückwünschen zu Vaters 60. Geburtstag, die aus aller Welt kamen und die er zu einem erheblichen Teil auch postwendend beantwortete, aber auch mit 411 Todesanzeigen und Nachrufen, die Mutter akribisch gesammelt hat.
Dass auch bei Hinstorff Sachen von mir im Archiv liegen, ist nicht verwunderlich, war ich doch über Jahrzehnte mit diesem Verlag besonders eng verbunden. Zum 75. Geburtstag von Peter E. machten wir 1956 dort etwas Verrücktes: Es erschien das Buch „Autoren geben einen Verleger heraus“, mit dem Ehm Welk, Otto Manigk, Curt Goetz, Willi Bredel, Fritz Koch-Gotha, Hedwig Holtz-Sommer und Erich Theodor Holtz, Georg Hülsse, Arnold Gustavs, ich und viele andere unseren langjährigen Verleger und guten Freund würdigten
Der Verlag hat sein Archiv inzwischen an das Rostocker Stadtarchiv abgegeben. Dort existiert natürlich auch ein vollständiges Findbuch. Man hat es also heute leicht an Archivalien von uns heranzukommen, so sie die Zeiten überdauert haben.
Vater hatte für seine Briefe eine sehr eigene Methode entwickelt, er schrieb sie stets mit einem Durchschlag. In einem perforiertem Buch, aus dem er dann das Original heraustrennte, als Brief expedierte und für den nächsten Brief nur das Durchschlagpapier im Buch um eine Seite weiter einlegte. Die Bücher führte er jahrgangsweise und hatte somit seinen ganzen Schriftverkehr wohlgeordnet. Vorbildlich! Einige Jahrgänge seiner Briefe lagern z.B. in Berlin im Akademiekeller am Gendarmenmarkt, in der Jägerstraße, neben einigen seiner Expeditionstagebüchern, vielen Briefen an und von Prinz Heinrich – und, und, und.
In Ribnitz kann man dagegen z.B. meine Methode zur Archivierung besichtigen: erschienene Zeitungsartikel schnitt ich aus, klebte sie auf die freien Rückseiten nicht mehr benötigter Manuskriptseiten, lochte diese und sortierte sie in einen Ordner. Das erleichterte Seibts z.B. anfänglich die Arbeit für den Versuch ein Publikationsverzeichnis zu rekonstruieren. In jüngster Zeit soll es dafür ja auch modernere Methoden geben, zunehmend mehr Publikationsorgane und ganze Bücher sind im Internet inzwischen digital zugänglich, ausgenommen ist die Zeit der braunen Jahre, verständlich. Ein paradiesischer Zustand, wenn ich mir das vorstelle: von zu Hause aus, am Schreibtisch sitzend und zu jeder beliebigen Zeit in den Bibliotheken spazieren zu gehen und mit geschickten Suchbegriffen auch fündig zu werden. Toll! Auf diese Weise haben Seibts für Vater ein Publikationsverzeichnis mit 203 Einträgen rekonstruiert, für mich eins mit 571 Einträgen, aber wohl auch nicht nur an einem Tag.
Das für Vaters Arbeiten haben sie zusammen mit seinen Lebenserinnerungen veröffentlicht. Dabei war über viele Jahre unklar, wo das Manuskript dieser Lebenserinnerungen überhaupt abgeblieben ist. Vater ist ja auch überraschend gestorben, mit 65 Jahren. Da war noch vieles in Arbeit, ich bin wenigstens 68 geworden, auch kein stolzes Alter.
Von Vaters Lebenserinnerungen hatte ich ein Exemplar in Althagen, in der B 54. Ich erinnere mich noch daran, dass ich das einmal bei einem Besuch Wolfgang Baier aus Rostock zeigte, der eine größere Publikation zu den Quellen der Fotographie vorbereitete. Die ist dann auch erschienen, 1966 soll sie sogar eine 3. Auflage erfahren haben. Baier zitiert dort aus Vaters Lebenserinnerungen. Das war damals der einzige Hinweis darauf, dass es diese Erinnerungen überhaupt gibt. Nun finden Seibts davon überraschend einen Durchschlag im Hinstorffarchiv, welch Zufall. Von da an ist es aber bis zum Erscheinen als Buch noch ein langer Weg. Sie gehen ihn und 2012 erscheinen Vaters Erinnerungen als Band 46 in der Reihe Acta Historica Astronomiae im Verlag von Harri Deutsch in Frankfurt am Main.
Gut für damals, schlecht für jetzt. Weil der Verleger stirbt, die Erben sich nicht über die Weiterführung dieses großen Verlages einigen können und alles verkaufen, zerstückelt.
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Die Astronomiereihe wird von der Akademischen Verlagsanstalt Leipzig übernommen. So weit, so gut. Das Buch ist dort heute noch vorrätig, aber nicht auf dem üblichen Weg bestellbar, kein Buchhändler findet es in irgendeinem Katalog. Die Bürokratie ist stets gegenwärtig, würdet Ihr heute sagen. Ich kann aber auch schon ein Lied davon singen. Wenn ein erschienenes Buch wie die Lebenserinnerungen auf diesem Weg den Verlag wechselt, bekommt es heute eine neue ISBN-Nummer zur Identifikation. Vielleicht ist das notwendig, wenn wie bei Euch jährlich zwischen 60 und 80000 Bücher pro Jahr neu erscheinen. Die neuen Nummern werden natürlich nirgendwo plakatiert. Bestellversuche haben dann immer das Ergebnis: nicht lieferbar.
Mit einer solchen Nummer hatten Seibts noch einmal Pech. Ihr erstes Buch über unsere Familie war „Damals in Althagen“, das 2007 im Scheunenverlag erschien, den Andreas Ciesielski in Kückenshagen gegründet hatte. Als er 2010 starb, ging auch bald sein Verlag vom Markt. Die 2. Auflage von „Damals in Althagen“ erschien 2015 im Fischerhuder Verlag Atelier im Bauernhaus, natürlich – Ihr werdet es ahnen – mit einer neuen ISBN-Nummer, dazu auch noch unter neuem Namen. Wenn man die Nummer der Neuauflage von nirgendwoher kennt und das Buch bestellt – Ihr werdet es nicht ahnen – bekommt man einen Reiseführer für Buxtehude. Auch Pawel Pawelcik, der Verleger, kann das nicht erklären. Da hat der Verlag geschludert. Tröstet Euch, auch zu meiner Zeit war die Fehlerquote nicht Null und nicht alles lässt sich aufklären.
Bevor der Stammtisch aus der Taufe gehoben wurde, gab es noch eine weitere Vorarbeit. Durch die Arbeit am Findbuch für die Archivalien unserer Familie in Ribnitz und durch die sukzessive Erstellung des Publikationsverzeichnisses kamen viele meiner journalistischen Arbeiten wieder ans Tageslicht, sodass Seibts sich entschlossen, eine Auswahl davon als „Fundstücke“ in einer monatlichen Reihe „Aus Käthe Miethes Feder“ Interessenten zugänglich zu machen: in 7 Lesemappen, die sie in Wustrow und in Ahrenshoop auslegten, außerdem konnte man diese Fundstücke auf https://www.seniorenbeirat-wustrow.de lesen. Zwischen 2015 und 2020 brachten es Seibts auf 65 Fundstücke.
Durch diese Vorarbeiten hatten sie m. E. für den Stammtisch eine Grundlage geschaffen, die nun eine thematische Verbreiterung auf „Fischland literarisch“ mit dem Zusatz „gestern und heute“ sinnvoll erscheinen ließ. Was hätte es schon gebracht, sich ausschließlich mit Arbeiten von mir zu beschäftigen? 100 Stammtische wären damit sicherlich nicht zu füllen gewesen.
Nun will ich aber endlich etwas zu den Stammtischen sagen, eine Wortmeldung zum heutigen Tag, zum Jubiläum.
Seibts haben mich in ihre Buchführung blicken lassen. Die gelegentlichen Bemerkungen auf dem Friedhof hatten mich von Anfang an schon neugierig gemacht. In der Auflistung habe ich eine kleine Stolperstelle entdeckt. Die Kontinuität war ja in der Coronazeit unterbrochen, einer schlimmen Zeit, die ich zum Glück nicht mehr erlebt habe. Zwischen Februar 2020 und Juli 2021 musstet Ihr pausieren, auf den 53. Stammtisch folgt in der Seibtschen Liste dann als Fortsetzung der 55., die 54 ist nicht vergeben. Das konnten mir Seibts aber erklären: Im September 2019 hatte es zwei Stammtische gegeben, die sie mit 48 und 48a nummerierten, da die folgenden Nummern in der Jahresplanung schon vergeben waren. Da kam ihnen wohl die Corona-Pause recht und sie brachten die Zählung wieder ins Lot. Dabei kam mir natürlich das berühmte Zitat zur Statistik wieder in den Sinn, das schon zu meiner Zeit kursierte und das man damals wie heute Sir Winston zuschreibt, der keiner Statistik glauben wollte, die er nicht selbst gefälscht hätte. Hier aber
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zu Unrecht, wie man sieht. Ihr musstet noch eine Corona-Pause einlegen: von November 2021 bis März 2022. Da gab es aber keinen gedruckten Flyer mit vorher vergebenen Stammtisch-Nummern, Seibts zählten ab April 2022 dann einfach weiter. Das erklärt mir und der Nachwelt, weshalb Ihr bei der heutigen Vollendung des 10. Jahrzehnts der monatlichen Stammtische nicht bei 10 x 12 = 120 angekommen seid, sondern erst bei 100.
Von der Copronapause waren natürlich auch die Käthe-Miethe-Tage betroffen. Das wurde produktiv genutzt: Die beiden Kurverwaltungen von Ahrenshoop und Wustrow hatten einen schönen Einfall. Sie drehten „Auf den Spuren Käthe Miethes“ und nannten es „Ein Portrait der bekanntesten Schriftstellerin des Fischlandes“. Im Internet könnt Ihr das auch noch heute finden: https://www.youtube.com/results?search_query=Käthe+Miethe. Bis jetzt sahen sich das über 7000 Interessenten an. Welche Ehre! Jochen stellt die B 54 vor, Seibts erzählen auch das eine oder andere über mich. Außerdem sind einige alte Fotos zu sehen.
Ich bin aber nicht die einzige aus unserer Familie, die es auf die Leinwand geschafft hat. Vater war ja nicht nur ein Fotopionier, er stand auch an der Wiege des Films Pate. Er hatte mit der Decla-Bioscop AG in seiner Sternwarte an der Technischen Hochschulen den Stummfilm „Im Flugzeug zum Mond“ gedreht und stellte ihn am 3. Juli 1921 in Berlin im Marmorhaus in Charlottenburg vor. Natürlich spielt er die Hauptrolle. Er nimmt die Zuschauer mit auf eine fiktive Reise, in knapp 14 Minuten zum Mond und zurück. Darüber könnt Ihr auch heute nur staunen. Den Film kann man noch im Deutschen Filmmuseum ausleihen. Seibts haben ihn schon mehrfach gezeigt.
Und es gibt einen dritten Miethe-Film. FotoTV Köln drehte während der Adolf-Miethe-Ausstellung, die 2008 vier Monate lang im Ribnitzer Bernsteinmuseum gezeigt wurde und die Seibts initiiert hatten, einen Film über Vater, insbesondere über seine Dreifarbenphotographie. Auch diesen Film könnt Ihr heute noch im Internet abrufen: https://www.fototv.de/tutorial/erste-farbfotos-mit-der-drei-farben-fotografie. Die Ausstellung zeigte z.B. ein Exemplar von Vaters Wechselschlittenkamera, mit der er seine Fotos gemacht hatte, von denen 569 als Projektionen in einer Endlosschleife dem Besucher gezeigt werden konnten, was große Aufmerksamkeit mit sich brachte. Einer der Besucher regte dann auch den o.g. Film an: Gert Koshofer, der langjährige Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Photographie in Köln, der mit Marc Ludwig, dem damaligen Gründer von FotoTV, auf dem Weg nach Zingst war und in Ribnitz Fotogeschichte pur traf. FotoTV hat sich inzwischen zur online-größten Fotoschule entwickelt. Da hätte sich Vater sicherlich beteiligt. Nun ist er dort mit einem Filmbeitrag verewigt. Wechselschlittenkamera und zugehöriger Projektor stehen seit Jahrzehnten im Deutschen Museum in München, in der Dauerausstellung. Das Ribnitzer Museum untertitelte die Ausstellung über Vater übrigens mit „Erfinder, Künstler, Tausendsassa“. Passend, wie ich meine. Seine Vielseitigkeit war schon beeindruckend.
Gerade habe ich gehört, dass das Deutsche Museum zu Vaters 100. Todestag 2027 in München eine Ausstellung über ihn plant. Dr. Sonja Neumann, die derzeitige Kuratorin für Foto und Filmtechnik in München, hat Seibts um Mitarbeit gebeten. Über diese Ausstellung würde sich Vater sicherlich sehr freuen, In der Dauerausstellung ist dort auch das Goerz-Teleskop zu besichtigen, im Ostturm der Sternwarte. Dieses Teleskop ließ Vater in Berlin bei Goerz für seine Expedition zur Sonnenfinsternis vom 21. August 1914 bauen. Wegen des damaligen Kriegsausbruchs konnte es aber in Sandnessjoen nicht mehr
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eingesetzt werden, blieb bis zum Kriegsende in Norwegen und ist nun schon seit 1925 in München ausgestellt. Miethe seit über 100 Jahren in Bayern! In die Medien kam das Teleskop als es mit einem Riesenkran aus der Kuppel gehoben und zur Restaurierung nach Jena gebracht wurde. Seibts konnten es dort besichtigen und sogar anfassen, sie streichelten es.
Aber zurück zu Euren Stammtischen: Schön finde ich, dass Saatmanns viele Jahre Gastgeber für die monatlichen Stammtische waren. Wir waren über Jahrzehnte ja unmittelbare Nachbarn am Althäger Norderende. Dass Andrea Saatmann als Enkelin ihr Café nach dem Umbau des alten Hauses nun nach ihrer Großmutter als Café Malchen eröffnete, kann ich nur mit großer Genugtuung registrieren, werden dadurch bei mir doch wieder viele Erinnerungen wach. Andrea ist inzwischen aber zu ihrem Mann nach Zingst gezogen, das Café Malchen gibt es nicht mehr, dafür aber in Zingst das Café Monsieur Albert, mit dem sie nun ihrem Urgroßvater die Reverenz erweisen will. Das Interregnum danach habt Ihr jetzt überstanden. Ihr seid im Kunstmuseum untergekommen, da würde ich mich auch wohlfühlen, steht es doch an einer Stelle in Althagen, an die ich eben so viele gute Erinnerungen habe. Auf der anderen Straßenseite steht etwas links seit 1910 Saatmanns Café und Conditorei, etwas rechts der noch ältere Dorfkrug, das Ostseehotel, das spätere Panorama, heute heißt es Haus Antje. Dort wurde auch lange Jahre das jährliche Tonnenabschlagen veranstaltet, später auch das Kinderfest. Die Gaststätten haben zu Eurer Zeit einige Male den Besitzer gewechselt, sei´s drum. Über das Tonnenabschlagen habe ich mehrfach geschrieben. Bei Saatmanns hingen die Zeichnungen von Abeking im Café, die er für meinen Artikel in den Mecklenburgischen Monatsheften beisteuerte. Die Kinderfeste werden mir auch in ständiger Erinnerung bleiben. Was hat sich Erne Wehnert nicht alles einfallen lassen, am schönsten war der Bändertanz. Ein geschichtsträchtiger Platz also.
Der erste Stammtisch fand am 13. Oktober 2015 statt. Seibts luden ein. Diese Einladung nahm noch keinen Bezug auf mich. Im nachträglichen Resümee, das Seibts sich als ständige Nachbereitung ausgedacht hatten, damit von jedem Stammtisch auch etwas über dessen Inhalt erhalten bleibt – sie nannten es „Gedanken zum n-ten Stammtisch“ – stand dann erstmalig „Käthe-Miethe-Stammtisch“, auch ein Bild von mir hoben Seibts in den Titel, ebenso das Saatmannsche Logo. Schön.
Von den 14 Gründungsmitgliedern sind heute noch 6 aktiv dabei.
Oft standen bei Euch zunächst Vorträge im Mittelpunkt. Es wurde aufmerksam zugehört, nachgefragt, ergänzt, diskutiert, oft Bilder betrachtet, ab und an auch musiziert, sogar gesungen. Bei den bisherigen Stammtischen (bis zum 99.:) zählten Seibts insgesamt 2699 Besucher – es kamen zwischen 9 (3. Stammtisch) und 71 (74. Stammtisch), im Durchschnitt waren es 27,2 Teilnehmer. Die 94 Stammtisch-Themen (sechsmal trafen wir uns jeweils im Dezember zu einer weihnachtlichen Runde, einmal bei den Klabauter´s in Wustrow, dann immer bei Familie Köppke in ihrer wunderschönen Ahrenshooper Mühle) wurden bisher von 62 Akteuren gestaltet:
Barth, Birgit – Beier, Astrid – Bergmann, Heidi – Billinger-Cromm, Renate – Bircken, Margrid – Bock, Sabine – Born, Jochen – Bradhering, Heidi – Brun, Hartmut – Buchholz, Eva-Maria – Crohn, Solveig-Ulrika/Andreas – Czerwinski, Klaus – Dillwitz, Charlotte/Peter – Erdmann, Elke – Emmerlich, Gunther – Fretwurst, Brigitte – Frühauf, Mareike/Torsten – Gütschow, Manfred – Gallien, Thomas – Hülsse, Jörg-Peter – Heussner, Karl-Uwe –
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Henneberg, Hellmuth – Helbig, Ingelore – Karge, Wolf – Kastner, Corinna – Kleinhempel, Friedrich – Kleinschmidt, Sebastian – Klönsnack Rostocker Sieben – Klünder, Jan – Konow, Helga – Kreibohm, Stefan – Kunter, Detlev – Mamerow, Ruth – Marciniak, Steffen – Matthias, Hannelore – Mehrwald, Renate-Petra/Jörg – Meisner, Jutta – Nenz, Cornelia – Paasch-Beeck, Rainer – Pawelcik, Hans-Günter – Puttkammer, Joachim – Reiche, Markus – Reinhard, Friedhelm – Rösler, Reinhard/Irmtraud – Saatmann, Jürgen – Sandke, Birgitt – Schimmelpfennig, Daniel – Schöfbeck, Tilo – Seibt, Helmut/Gisela – Thiemig, Tilman – Thon, Reinhard – Tschochner, Bernd – Wegscheider, Andreas – Wegscheider, Kristian – Vetter, Rainer – Voß, Christian.
Seibts boten 20 Themen an, Röslers 8, Christian Voß und Kristian Wegscheider je 4, einmal wurde das Buch eines anonymen Autors vorgestellt.
Wenn Ihr für die Gestaltung Eurer Stammtische auch viele Akteure aus der unmittelbaren Umgebung gewinnen konntet, die meisten kamen aus Wustrow, Ahrenshoop, Althagen, Niehagen, Wieck und Graal-Müritz, so nahmen auch recht viele eine weitere Anreise in Kauf. Ihr konntet Gäste begrüßen aus Berlin, Dresden, Hamburg, Hannover, Hohenfelde, Kiel, Leipzig, Martensdorf, Neustrelitz, Polz, Radebeul, Röbel, Rostock, Schwerin, Seehausen, Spremberg, Worpswede und Zwickau. Das Fischland scheint auch in Eurer Zeit über seine Grenzen hinaus bekannt zu sein. Ihr habt aber auch selbst dazu beigetragen. Nicht nur in Althagen, Niehagen, Ahrenshoop und Wustrow gab es immer wieder Vorträge über mich und über Vater, auch darüber hinaus lernten viele uns kennen, in Ribnitz, Graal-Müritz und Prerow, aber auch in Rostock, Potsdam, Rathenow, Jena, Lübeck, Doberan und Stavenhagen. In Eurem Internetzeitalter wurden auch die beiden Biographien bei Wikipedia über mich und über Vater immer umfangreicher. Für meine Seite muss ich mich bei Friedhelm Reinhard sehr bedanken.
Im Jahr meines 125. Geburtstages fanden 2018 zusätzlich noch 5 Hommagen statt, bei denen mich Seibts sozusagen fünfgeteilt vorstellten: Meine Kinder- und Jugendbücher, die Übersetzungen, die journalistischen Arbeiten, meine Fischlandbücher, die letzte Hommage nannten sie „Unsere heutige Sicht auf ihr Gesamtwerk“. Da hätte ich Mäuschen sein wollen, besonders beim letzten Teil.
Ihr wolltet den Stammtisch absichtlich nicht als Verein gründen, da Ihr die Bürokratie scheutet. Das hieß dann von Anfang an: kein Eintritt, kein Honorar. Das änderte sich erst ab dem 40. Stammtisch, Familie Winter mahnte schon lange. Ihr stelltet einen Spendentopf auf, seit langen ist es der inzwischen schon legendäre Löbertopf, und für einen Vortrag bedankt Ihr Euch mit einem Buchgeschenk. Da schenkt Ihr nur Bücher von mir, inzwischen sogar solche, die ich gedruckt nie in der Hand hatte. Das trägt richtig zu meinem Nachruhm bei. Danke! Auf diese Bücher aus dem Nachlass komme ich noch einmal später zurück. Es gab aber auch ein kleines Geschenk für Seibts. Immer wenn Familie Stahl zum Stammtisch kam, bekamen sie am Schluss eine kleine Packung Hallorenkugeln in die Hand gedrückt. Das hat sogar etwas mit meiner Familie zu tun.
Das will ich hier ruhig einmal erzählen, der Reihe nach. 1804 gründete mein Ururgroßvater Friedrich August in Neumarkt 10 bei Halle, heute ist es die Geiststraße 1 in Halle, seine Pfefferküchlerei und Konditorei, in der er auch Schokolade herstellte. Sein Sohn, mein Urgroßvater Johann Friedrich ging nach Potsdam, erwarb 1820 die Bürgerrechte und richtete die erste Schokoladenfabrik mit Dampfbetrieb ein, erst in der Charlottenstraße 46 am Bassinplatz, dann Am Schloss 1, der heutigen Humboldtstraße. In Halle ging die Entwicklung mit Friedrich David weiter, bis zur Enteignung 1950. Die Hallorenkugeln
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entstanden 1952 im VEB Schokoladenfabrik Halloren Halle. Heute spricht man von Deutschlands ältester Schokoladenfabrik, das ist richtig. In Eurem neuen Gesamtdeutschland haben die Halloren als Marke und Produktionsstandort überlebt und damals mit Paul Morzynski für einen prächtigen Neustart den richtigen neuen Eigentümer gefunden. Die Kugeln sind heute weit verbreitet, wozu nicht nur der gebürtige Hallenser Hans-Dietrich Genscher als langjähriger Außenminister durch seine vielen Reisen beigetragen hat. In der Zeit des Baus des Schokoladenmuseums konnten sogar Seibts vieles von der süßen Pracht naschen – als Dank für den Mietheschen Stammbaum, mit dem die damaligen Macher in Vorbereitung auf das 200-jährige Firmenjubiläum manches aus der eigenen Geschichte erhellen konnten. Die Kugeln schmecken einfach prächtig. Ich kann das durchaus beurteilen, bekamen wir doch bei jedem Besuch bei den Großeltern in Potsdam eine Riesenschachtel mit Süßigkeiten, die schon bei der Rückfahrt in der S-Bahn großes Aufsehen erregte und dann in der Schule viele Interessenten fand. Die Hallorenkugeln gibt es allerdings erst seit 1952.
Nun aber wieder zurück zum eigentlichen Grund für meine Wortmeldung, zum Stammtischjubiläum. Wenn ich mir die Themenliste so ansehe, dann fällt mir am Anfang auf, dass Seibts vieles selbst gemacht haben. Das war für Ihren Anspruch, jeden Monat zu einem Stammtisch einzuladen, ohne Sommerpause, weil sie ja auch Urlauber nicht außen vor lassen wollten, kaum anders machbar. Wer wollte/konnte da auf die Schnelle auch ein Thema anbieten?
In den ersten Jahren stand mehr das alte Fischland auf der Tagesordnung: Aus meinem Umfeld Peter E., Arnold Klünder, Fritz Koch-Gotha, Georg Hülse, Hermann Saatmann, Herbert Bartholomäus, der versuchte Neubeginn nach 1945, den vor allem Johannes R. Becher, Willi Bredel, Karl Kleinschmidt in die Wege leiten wollten und der in der damals politisch sehr aufgeladenen Zeit scheiterte. Im immer mehr Fahrt aufnehmenden Kalten Krieg hatten „Nie wieder Krieg“ / „Deutsche an einen Tisch“ keine wirklichen Chancen.
Meine Arbeiten standen auch immer wieder auf dem Plan. Über die Frauengestalten in meiner Fischlandtrilogie „Bark Magdalene“, „Die Flut“ und „Rauchfahnen am Horizont“ gab es sogar einen Vortrag aus der eigenen Familie: Jutta Meisner, die Schwiegertochter meiner Schwester Inge, widmete sich diesem Thema und zeichnete dabei die verschiedenen Lebenswege dieser Schifferfrauen mit viel Emphatie nach. Leider hatte ich zu Inge und ihrer Familie, nach deren Hochzeit mit Mungo, keine intensiven Beziehungen mehr. Von einer passenden Beschreibung dieses Zustandes berichteten mir Seibts vor Jahren: Jutta hatte sie einmal mit dem Satz überrascht „Ihr kennt ja meine Familie besser als ich“. Was soll ich dazu sagen. In den ersten Berliner Jahren hatten Inge und ich Mungo im Segelverein kennengelernt, draußen an der Scharfen Lanke, der Havelbucht in Spandau, den Herrn Marinebaurat Erich Meisner. Inge war mit einem Kunststudenten aus Dresden-Hellerau kurzzeitig verlobt, dann mit einem Flieger, der bald nach Beginn des 1. Weltkrieges, wie man heute allgemein den 1914 begonnenen Großen Krieg nennt, bei Colmar fiel und dessen Heldentod Vater in einer übersteigerten Rede am Grabe feierte. Inge brauchte danach einen längeren Sanatoriumsaufenthalt. Als 29-jährige heiratete sie im Sommer 1920 den 41-jährigen Marinebaurat a.D.
Interessant war auch, dass bei einem Stammtisch mein ausführlicher Bericht über einen Besuch bei Richard Wossidlo in Waren aus dem Jahre 1936 besprochen wurde, den ich ihm zusammen mit Peter E. wenige Jahre vor seinem Tode abstattete. Über Wossidlo habe ich mehrfach mit großer Hochachtung vor seiner Lebensleistung journalistisch
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berichtet, der Bericht von 1936 blieb zu meinen Lebzeiten Manuskript. Heute könnt Ihr ihn aber in voller Länge lesen, im dritten Buch aus meinem Nachlass, dem Seibts den Titel Fischland Meer und Bodden gaben.
Das bringt mich dazu, überhaupt etwas zu Publikationen aus meinem Nachlass zu sagen, die vor allem mit Hilfe des Stammtisches entstanden sind. Ich meine die vier Bände, die bei Thomas Helms in Schwerin erschienen sind. War es zu meiner Zeit schon einmal ein Schweriner Verlag, der eine Arbeit von mir druckte, der Petermänken-Verlag von Willi Bredel, ist es jetzt noch einmal ein Verlag aus dieser Stadt.
Es ging los mit „Zu den „Glücklichen Inseln““, einem weiteren Seibtschen Archivfund. Arbeit musste da hineingesteckt und Geld als Druckkostenzuschuss aufgetrieben werden. Die Arbeit war vor allem das Digitalisieren des Textes, mir aus meiner damaligen Zeit völlig unbekannt, da setzte man den Text in der Druckerei von Hand oder maschinell, da musste mit Setzkästen und Lettern hantiert werden. Bei der Geldbeschaffung seien in allen vier Fällen, wie mir Seibts versicherten, viel Papier für Förderanträge und viel Zeit erforderlich gewesen, letztendlich gab es dabei aber immer Bewilligungen, keine Ablehnungen. Private Spenden der Stammtischler, aber auch der Gemeinden Ahrenshoop und Wustrow halfen ebenfalls.
Mein Buch über die Glücklichen Inseln wäre beinahe in einem Verlag auf den glücklichen Inseln erschienen, auf Teneriffa. Seibts hatten Verena Zech in Santa Ursula auf Teneriffa schon das Manuskript geschickt, sie wollte das Buch in ihrem Verlag herausbringen. Sie meinte dann aber, vielleicht Schwierigkeiten mit den spanischen Behörden zu bekommen und zog sich zurück. Schade. Das wäre doch schön gewesen: Ich selbst war 1926 einige Monate auf der Insel, an die Deutsche Allgemeine Zeitung schickte ich davon regelmäßige Berichte nach Berlin, die auch gleich erschienen, das Buchmanuskript entstand Jahre später. Die Erstauflage wäre also beinahe auf den Kanaren erschienen. Das hätte mir gefallen. In einer der deutschsprachigen Zeitungen der Insel war dann aber wenigstens eine Rezension des Buches zu lesen, eine sehr wohlwollende, immerhin.
Was Seibts dann als nächstes Buch bei Thomas Helms drucken ließen, „Die Herrgottsuhr“, hat auch wieder eine Besonderheit. Die hängt mit Johanna Wihan aus Wustrow zusammen. Ich erzählte schon, dass ich Inge Lettow als Alleinerbin eingesetzt hatte. Sie hatte also auch nach dem Urheberrecht das Copyright über meine Werke zu verwalten, bis 50 Jahre nach meinem Tode, neuerdings habt Ihr das auf 70 Jahre verlängert. Nach Inges Tod ging das auf Johanna Wihan über. Der Hinstorff-Verlag musste also bei Neuauflagen meiner Bücher ebenso bei ihr um Erlaubnis dafür nachfragen, wie Seibts bei Erstauflagen. Für ihr Einverständnis bat sie jeweils um 5 Belegexemplare, für die Enkel. Viel bescheidener geht es wohl kaum. Als Seibts mit den Exemplaren der Glücklichen Inseln vor ihrer Tür standen, sagte sie, sie hätte noch etwas in einem Schrank gefunden und brachte das Manuskript „Die Herrgottsuhr“, ob das auch interessiere. Seibts besprachen das mit Thomas Helms, der Zustimmung signalisierte. Nach den ersten Seiten der Digitalisierung kam den Seibten der Text dann aber bekannt vor, es war „Zur rechten Stunde“, das ich bereits zu Lebzeiten 1948 bei Schaffstein in Köln veröffentlicht hatte. Das Buch erschien trotzdem, erweitert mit einigen Anhängen. Damit steht nun im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, in der jede Auflage eines Buches mit einem Pflichtexemplar erfasst ist, ein Text unter zwei Titeln. Zur Zeit sind für mich dort 164 Titel gelistet. Alle Achtung!
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Es gibt noch zwei Bücher, die der Stammtisch auf den Weg gebracht hat, wieder bei Thomas Helms: Das schon erwähnte „Fischland, Meer und Bodden“ und „Alle, die mir sind verwandt“. Das erste ist eine Zusammenstellung journalistischer Arbeiten, die alle das Fischland zum Thema haben und die über die Jahrzehnte an den unterschiedlichsten Stellen erschienen sind.
Über das zweite freue ich mich ganz besonders. Die braunen Jahre hätte ich in Berlin wohl nicht bis zum Ende ausgehalten. Vater hatte mir ja schon 1916 Jäckels B 54 gekauft, 1939 zog ich dort nun endgültig ein. Mutter machte das mit ihrer Übersiedelung in die B 10 auch so. Aus dem journalistischen Alltagsgeschäft hatte ich mich schon länger zurückgezogen. Die Jugendbücher und die Übersetzungen waren auch ausgereizt.
Das Thema Fischland wollte ich unbedingt noch gestalten. Ich stand ja erst in der Mitte des Lebens, Zeit war noch genug, meinte ich. Materialsammlung, Nachdenken – in beiden Richtungen kam ich schnell zu Ergebnissen. Sieben Bücher wurden es schließlich über das Fischland. Beim Nachdenken über uns und die Zeit reiften vorher aber schon die Seiten zu „Alle, die mir sind verwandt“, einem Inhalt, der sich von allem bisher Geschriebenen unterschied. Fertig war ich als Deutschland bedingungslos kapituliert hatte, der braune Spuk war vorbei. Alles lag in Trümmern, es fehlte am Notwendigsten. Wer wollte da mein Manuskript über das Zusammenleben der Menschen, der miteinander Verwandten? Ich fand zwar einen Verlag: in Lautenthal-Wolfenbüttel plante der Verlag Die Pforte die Aufnahme des Manuskripts in seine Reihe „Du und Dein Nächster“, für August 1946. Es kam aber niemals dazu. Später wäre es damit wohl auch schwierig geworden, da standen andere Themen im Vordergrund. Die Seiten blieben also liegen, über meinen Tod hinaus. Nun sind sie doch erschienen. Seibts haben sie ergänzt mit zwei Manuskripten meiner Mutter, die sie Inge und mir jeweils zur „Kriegsweihnacht“ 1943 bzw.1944 schenkte. Man kann Mutters Gedanken als Konkretisierung der Gedanken ihrer Tochter lesen. Ein Vermächtnis also, von Mutter und Tochter. Eine schreibende Familie. Das wäre eigentlich ein schöner Schluss. Mehr ist eben in 100 Stammtischen von und über die Miethes nicht möglich gewesen.
Dabei habe ich über vieles aus neuerer Zeit noch gar nicht gesprochen. Muss ja auch nicht alles von mir kommen.
Seibts wollen sich im nächsten Jahr zurückziehen, Gisela ist 81, Helmut wird im nächsten Monat 85. Verstehen kann ich ihren Entschluss. Der Stammtisch wird weiter seine Kreise ziehen, mit neuen Machern, vielleicht auch mit anderen Schwerpunkten.
Mein Vorschlag: Streicht doch meinen Namen aus dem Titel, nennt Euch „Literarischer Stammtisch Fischland“ oder „Stammtisch Fischland“.
Ihr seid jetzt in einem Kunstmuseum zu Hause. Den Katalog zur Eröffnungsausstellung 2013 stellten die Museumsleute unter den Titel „Um uns ist ein Schöpfungstag“. Dieser Satz steht in meinem Fischlandbuch, ziemlich am Anfang, auf Seite 28. Ich stehe auf dem Wustrower Kirchhügel, blicke auf die Lande rundum, auf das Fischland, und fühle mich dabei wie an einem Schöpfungstag. Ähnliche Eindrücke hatten wohl auch Paul Müller-Kaempff und Oskar Frenzel, als sie 1889 bei einer Wanderung von Wustrow auf das Hohe Ufer von dort überraschend einen kleinen Ort auf einem schmalen Landstreifen erblickten. Das weitere kennt heute noch jeder hier. Malende mit einem Eindruck, den ich viel später als Schreibende vom selben Stück Erde hatte. Das trifft nun – noch einmal viel später – hier im Museum zusammen. Das kann ich nur gut heißen. Nun könnt Ihr an der Fortsetzung arbeiten. Ich fühle mich in dieser Umgebung sehr wohl.
Zu zwei Lobpreisungen will ich noch schnell etwas sagen. In Eurer Zeit war einmal von mir als der Königin des Fischlandes zu lesen, anderswo davon, dass Fischlands Goethe
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Käthe Miethe hieße. Beides kann und will ich nicht annehmen, auch nicht posthum. Eine Auszeichnung ist mir allerdings doch einmal widerfahren, die hat aber mit meiner Tätigkeit im 1. Weltkrieg zu tun. Im Sommer 1917 verlieh mir Seine Majestät das Verdienstkreuz für Kriegshilfe. Wenige Jahre vor meinem Tod soll an der Universität Rostock der Vorschlag gemacht worden sein, mir den Nationalpreis der DDR zu verleihen, wozu es aber nie kam. Ich fühlte mich immer so wohl wie ich war.
Die damaligen und die heutigen auf dem Fischland Malenden und Schreibenden, natürlich auch die Musizierenden, stimmen sicherlich auch einem Satz zu, der mir über Uwe Johnson erzählt wurde und den ich nur dick unterstreichen kann. Im 4. Band seiner „Jahrestage“ formuliert ihn Gesine Cresspahl auf Seite 1475:
„Das Fischland ist das schönste Land in der Welt“.
Mit diesem Satz möchte ich meine Wortmeldung ausklingen lassen. Möge er nicht nur in unseren Gedanken noch lange seine Gültigkeit behalten.
Ich bin gespannt, was Seibts oder andere mir im März auf dem Wustrower Friedhof Neues erzählen können. Besucht mich doch einmal. Bis dahin!
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© Gisela und Dr. Helmut Seibt, 2025


