mit Thomas Gallien, Rostock
Nach dem Abitur in den Krieg, als Kriegsgefangener in der Sowjetunion, Schüler und Lehrer in der Antifa-Zentral-Schule, Rückkehr nach Deutschland, Ost-Berlin.
In den folgenden Jahrzehnten zu einem Schriftsteller geworden, dessen „zerklüftete, in den Genres so vielfältigen Schriften aber … einem großen Bergwerk mit vielen Schächten, Stollen und Gruben ähneln, in die es lohnt…, dorthin hinunterzusteigen“, wie Thomas Schmid es zum 100. Geburtstag voriges Jahr formuliert hat. Der von Fühmann im Testament aufgestellten Behauptung, er sei gescheitert, können wir nicht zustimmen. Wir unterstützen da eher die Meinung von Sigrid Damm von 1998, dass wir Fühmann nötig haben, ihn brauchen.
Thomas Gallien, der das Werk Fühmanns bei Hinstorff gegenwärtig betreut, wird nicht nur über den Autor sprechen, sondern auch über die Freude und die Probleme, seine Bücher in heutiger Zeit unter die Menschen zu bringen.
Es hat lange gedauert, bis Franz Fühmann endlich Stammtischthema war. Zunächst dachten wir an „Böhmen am Meer“, eine frühe Erzählung Fühmanns, die die Vertriebenen-/Umsiedlerproblematik nach dem 2. Weltkrieg behandelt, dann an den Briefwechsel von Joachim Damm mit Fühmann. Beide haben wir bisher nicht verhandelt. Nun kam 2022 der 100. Geburtstag von Fühmann und wir konnten mit Thomas Gallien einen der profundesten Kenner des Gesamtwerks von Fühmann dafür gewinnen. Wegen der Corona-Pandemie war die Realisierung dann aber erst im Folgejahr möglich. Der dritte Versuch glückte und: was lange währt, …
Es wurde sehr gut, um unseren Eindruck gleich zu Anfang hier niederzuschreiben. Wie die Diskussion und weitere Gespräche zeigten, ist das wohl auch die Meinung der 37 Teilnehmer. Danke, Thomas Gallien!
Wir haben Fühmann auf eine ganz unerwartete Weise kennengelernt, so dass wir dessen Einschätzung aus seinem Testament überhaupt nicht zustimmen können, er sei gescheitert. Ganz im Gegenteil: Wir haben ihn auch heute noch nötig, wir brauchen ihn.
Thomas Gallien hatte eine Vielzahl von Büchern dabei, mit denen er immer wieder seine Aussagen zu Fühmann unterlegte. Fühmann war als Autor 1974 vom Berliner Aufbauverlag zu Hinstorff gewechselt, der heute noch zahlreiche seiner Bücher im Verlagsprogramm hat, darunter zwei Biographien, 1998 von Barbara Heinze und Sigrid Damm, 2021 von Uwe Wittstock, dazu die 8-bändige autorisierte Werksausgabe und die ersten drei Bände der Fühmann-Briefe (Briefwechsel mit Kurt Batt, seit 1959 bei Hinstorff, ab 1961 als Cheflektor, Lektor von Franz Fühmann), mit Ingrid Prignitz (nach Batts frühzeitigem Tod 1975 Lektorin von Franz Fühmann, Briefe von 1970-1984) und mit Joachim Damm (schrieb am 5. März 1975 als 9-jähriger einen Brief an Fühmann, woraus ein Briefwechsel bis zu Fühmanns Tod 1984 entsteht, sie schreiben sogar ein gemeinsames Theaterstück). Für die Briefausgabe plant der Verlag 7 Bände, die auf ihren 4000 Seiten aber nur eine Auswahl der über 10000 Briefe aufnehmen werden. Insgesamt finden sich auf der Webseite von Hinstorff 29 Empfehlungen zu Fühmann.
In Fühmanns Biographie spiegeln sich die Umbrüche und Widersprüche des 20. Jahrhunderts sehr deutlich wider. Als 16-jähriger trat er in die Reiter-SA ein, meldete sich ein Jahr später freiwillig zur Wehrmacht, in die er nach der Matura 1941 eingezogen wurde. Der Krieg endete für ihn in sowjetischer Gefangenschaft. Nach Absolvierung der Antifa-Zentral-Schule kam er 1949 in die DDR, als Sozialist stalinistischer Prägung, arbeitete bis 1958 als Funktionär in der NDPD-Parteizentrale, danach als freischaffender Schriftsteller und Nachdichter.
Im Erzählzyklus „Das Judenauto“ von 1962 verarbeitet er eigene Erfahrungen, wie Ideologie Realität überlagern kann, Feindbilder geschaffen werden und wozu das führen kann. Später empfindet er die sozialistische Ideologie zunehmend als verlogen, bestärkt durch die Ereignisse in Ungarn und der CSSR. Schonungslos will er durch das Schreiben, oft in der Ich-Form, auch Klarheit über sich selbst verschaffen, er geht immer mehr auf Distanz zur Entwicklung in der DDR, von der er schließlich bitter enttäuscht ist. 1976 gehört er zu den Erstunterzeichnern des Protestbriefes gegen Biermanns Ausbürgerung.
Er verfasst Nachdichtungen klassischer Literatur, schreibt immer wieder Kinderbücher, der große Roman bleibt aus, er arbeitet aktiv in der Friedensbewegung, setzt sich für Behinderte ein.
Von Fühmanns zahlreichen Kinderbüchern liest Thomas Gallien als Zugabe aus „Am Schneesee“ und hat dabei natürlich wie alle Leser Schwierigkeiten bis zu einem Wort mit 16 „e“ zu gelangen. Es reicht schon mitzubekommen, wie die Schneeseekleerehfee Schneeseekleerehfeezehweh bekommt, dabei ist man aber erst bei 11 „e“.


