Erinnerungen an das Fischland zwischen 1939 und 1945

mit Manfred Gütschow, Wustrow/Berlin, und Dr. Renate Billinger-Cromm, Wustrow


Mit dem Überfall auf Polen begann vor 80 Jahren ein Krieg, der knapp 6 Jahre später in einem bis dahin unvorstellbaren Inferno endete. Woran erinnern wir uns heute noch, wenn wir an diese Zeit denken?

Manfred Gütschow kann davon als Zeitzeuge berichten.


Dieser Extra-Stammtisch wird wohl den 26 Teilnehmern noch länger in Erinnerung bleiben: Ein hochinteressantes Thema, über das nur wenigen überhaupt etwas bekannt war. Nun wurden wir – welch ein Glücksfall – aus erster Hand informiert. Dr. Renate Billinger-Cromm danken wir für die Vorbereitung und Moderierung, Manfred Gütschow danken wir für seine Bereitschaft, uns ausführlich über diese schlimmen Jahre zu berichten und unsere Fragen dazu zu beantworten.

Manfred Gütschow, Jg. 1928, erlebte den Kriegsbeginn als Kind in Wustrow, das Kriegsende ebenfalls, und brachte sich als Jugendlicher beim Neubeginn in den Nachkriegsjahren bei vielen Unternehmungen aktiv ein. Einiges hat er darüber bereits aufgeschrieben, anderes will er noch aufschreiben. Die vorgetragenen Texte und das Erzählen, immer wieder auch auf Plattdeutsch, stellten uns Wustrow und das Fischland in einer Weise vor, die in der Öffentlichkeit bisher weitestgehend unbekannt ist. Den Wunsch von Manfred Gütschow nach Fortschreibung des Buches von Ch. J. F. Peters (1822-1889) „Das Land Swante Wustrow oder Das Fischland“ von 1862, das bereits verschiedene Ergänzungen erfahren hat, wollen wir aktiv unterstützen.

Direkte Kriegshandlungen gab es auf dem Fischland nicht. Ein alliiertes Flugzeug stürzte in den Bodden, es gab Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, die in Baracken lebten, in Althagen wurden Soldaten an Flakgeschützen ausgebildet. Auch in Wustrow hatte die Nazipartei in allen Belangen das Sagen, vorsichtigen Widerstand gab es hin und wieder, manche Funktionäre waren sehr Führertreu, andere weniger, zu Kriegsbeginn gab es Freiwilligenmeldungen für die Front, auch vom Pastor, im Kriegsverlauf mehrten sich die Meldungen über den Heldentod, vor Kriegsende kamen zahlreiche Flüchtlinge, auch Ausgebombte aus den Städten, Weihnachten 1944 versammelte sich die Dorfbevölkerung in der Kirche, nicht mehr an den Endsieg glaubend. Im Mai 1945 floh die SS aus Görings Jagdschloss auf dem Darß und setzte sich in Wustrow mit mehreren Booten seeseitig ab, was aber nicht allen gelang. Die Kosaken der Roten Armee lagerten mit ihren Pferden auf den Ribnitzer Stadtwiesen, als auf dem Kirchturm die weiße Flagge gehisst wurde, näherten sie sich dem Dorf, das kampflos an den Ataman übergeben wurde. In Althagen wurde ebenfalls die friedliche Übergabe der Batterie erreicht. In den ersten Nachkriegswochen und -monaten gab es Verhaftungen, Vergewaltigungen und Suizide.

Vom persönlichen Erleben dieser Dinge können heute nur noch wenige berichten. Lange wurde von vielen dazu auch geschwiegen. Wir bedanken uns bei Manfred Gütschow ganz herzlich für seine Bereitschaft zum öffentlichen Bericht, mit Namen und Adresse. Von Pastor Löber, Dr. Meyer und Käthe Miethe konnte er uns auch berichten. Käthe Miethe wehrte z.B. erfolgreich die ihr mehrfach angebotene Übernahme eine Führungsaufgabe in der NS-Frauenschaft ab.


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