mit Gisela Seibt und Dr. Helmut Seibt, Wustrow
Auch im Urlaubsmonat August laden wir zum Stammtisch ein. Im Juli hatten wir auswärtige Gäste, Isenbahner. Diesmal hoffen wir auch wieder darauf.
Vor einem Monat waren wir mit Peter E gleich in vier Zeitaltern unterwegs, angefangen mit dem Kaiserreich.
Diesmal möchten wir unsere Gedanken nur um sieben Jahrzehnte zurücklenken, auf den seinerzeitigen Neubeginn 1945 und die ersten Jahre danach.
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges war der kulturelle Wiederaufbau im Osten Deutschlands anfangs auch von gesamtdeutschen Ideen durchdrungen. Willi Bredel und Johannes R. Becher, beide aus der Moskauer Emigration zurückgekehrt, planten Ahrenshoop zu einem Begegnungszentrum des Kulturbundes für ganz Deutschland zu machen.
Im Ort gab es dazu zahlreiche Initiativen, die sich in den Folgejahren auch literarisch niederschlugen.
Auf unserer Spurensuche begegnen wir dabei neben Bredel und Becher natürlich auch wieder Peter E, aber auch Arnold Zweig, Anna Seghers, Bert Brecht, Uwe Johnson und zahlreichen anderen, die an dieser Idee mitwirkten oder sich mit ihr auseinandersetzten. Wir treffen auch Käthe Miethe – und viele davon unter dem Dach, unter dem wir uns heute zusammengefunden haben.
Das Fundstück dieses Monats „Die sterbene Landschaft“, das wir an den Anfang setzen, stammt dabei zwar aus früherer Zeit, enthält aber auch manch übergreifenden Gedanken.
Da wir einige Urlaubstage fern vom Fischland verbrachten, haben wir diesmal kein „Vorbereitungs-Kaffeetrinken“ geplant.
Nun tritt der Stammtisch schon in sein zweites Dezenium und war diesmal mit 23 Teilnehmern wieder gut besucht, darunter waren auch vier Urlauber. In der Tagespresse fehlte zwar ein Hinweis auf diesen Termin, dafür war aber unsere Einladung im schönen neuen Eingangsbereich von Malchens Café nicht zu übersehen.
Am Anfang „mussten“ wir diesmal einfach Saatmanns und das Café in den Mittelpunkt rücken: Wir gratulierten Jürgen Saatmann zu seinem 75. Geburtstag, den er vor wenigen Tagen begehen konnte. Die Handwerker hatten rechtzeitig den neuen Eingang fertiggestellt und Tochter Andrea, die jetzige Chefin, hatte unter dem Titel „Zu Gast bei Malchen“ von Kristine von Soden eine Auswahl aus den Gästebüchern zusammenstellen lassen, die als fertiges Buch auf dem Geburtstagstisch lag und die unter uns Stammtischlern „reissenden“ Absatz fand. Wir besitzen nun zum Beispiel die sechs Abekingschen Bilder vom Tonnenfest, deren Originale über dem Sofa im Café immer wieder die Augen der Besucher auf sich ziehen und deren Reproduktionen wir mit dem Buch erwarben. Ein schöner Stammtisch-Auftakt.
Als offizieller „Tagesordnungspunkt 1“ folgte von Käthe Miethe Fundstück 23 „Die sterbende Landschaft“. Diesen Beitrag aus der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ vom 19. August 1933 las Hannelore Matthias. Er scheint uns auch heute noch aktuell, wie aus der jüngeren Vergangenheit der unvollendet gebliebene Kanal, der nördlich von Körkwitz Hof fast die Chaussee erreicht hatte, und die in Neuhaus zum Kaffeetrinken weggeschaufelte Düne zeigen. In der Gegenwart erleben wir in unmittelbarer Nachbarschaft gerade das Ringen um die Bebauung des Borner Holms – zur kurzfristigen Sanierung des Gemeindehaushaltes.
Bevor wir uns dem avisierten Stammtischthema zuwandten, wurden wir noch einmal rückfällig. Im diesjährigen Sommeraufenthalt von Jutta Meisner lag der letzte Stammtisch zu Peter E leider nicht. Um so mehr freuen wir uns, dass sie – die Schwiegertochter von Käthes Schwester Inge – diesmal und im September „mitmachen“ kann. Neben manchen Anmerkungen zur Miethe-Familie, die man sonst nirgendwo hören kann, erzählte Jutta Meisner eine Geschichte vom Baumfällen auf dem Grundstück von Peter E, wo jeder gefällte Ast mit einem kräftigen Tost auf eine (abgesägte) Nazigröße begangen wurde.
Die auf den Kulturbund zurückgehende Inthronisierung von Ahrenshoop zum Bad der schaffenden Intelligenz nach 1945 vor allem durch Willi Bredel und Johannes R. Becher wird uns noch in weiteren Stammtischen beschäftigen. Die Ausgangssituation in Ahrenshoop des Jahres 1945 machten vor allem einige Passagen aus den Erinnerungen von Rudolf Ziel deutlich, die ich vortrug. Der Vater von Marianne Clemens hatte die gesamte Nazizeit hier im Hause Kaysel verbracht. Es gibt auch einen Bericht von Pastor Löber über diese Jahre.
Bredel und Becher kamen aus dem Moskauer Exil zurück. Die Konzeption vom gesamtdeutschen Zentrum für Kulturschaffende ging auf Bredel zurück und wurde von Becher von Berlin aus betrieben. In der von Annett Gröschner in „Kunststück Ahrenshoop“ zusammengestellten Ortschronik lassen sich dazu viele Einzelheiten nachlesen. Mit Hilfe der SMAD wurden in mehreren Treuhandhäusern Begegnungs- und Arbeitsmöglichkeiten geschaffen, Lehrgänge wurden organisiert. Neben Becher und Bredel kamen Arnold Zweig (Palästina), Bert Brecht (USA), Hanns Eisler (USA), Anna Seghers (Mexiko), Ernst Busch und andere. Die literarischen Spuren dieser Aufenthalte sind unterschiedlich, Anekdoten gibt es reichlich.


