Heinrich Hauser (1901 – 1955) und sein Roman „Brackwasser“

mit Gisela und Dr. Helmut Seibt, Wustrow


Zu seiner Zeit galt er als der deutsche Jack London. Sein Leben hatte viele Höhen und Tiefen.

Er war Matrose in Kiel, Wachmann in Hamburg, Freikorpssoldat in Weimar, Bergmann in Duisburg, Schafscherer, Koch und Schwimmlehrer in Sydney, Polizist auf den Philippinen, Autoschlosser in Chile, Student, Schmuggler, Seemann, fünffacher Ehemann, schrieb viel, fotografierte und drehte Filme.

Das Fischland spielt in seinem zweiten Roman „Brackwasser“ eine Rolle, für den er 1928 den Gerhart-Hauptmann-Preis erhielt.

Wir können die Vielfalt dieses Lebens nicht ausleuchten, wollen aber bei einigen Etappen kurz verweilen, die uns Heinrich Hauer als Reporter, Filmemacher und Autor näherbringen.

Der Handlung des Romans, die im Hafen von Tampico beginnt und über Hamburg in das kleine Haus am Bodden führt, wollen wir nachgehen und an einigen Stellen auch durch Zitate die Hausersche Sprache aufleben lassen.

Bei der Rückreise nach Hamburg haben Hausers Protagonisten vielleicht die Kanaren passiert.

Das wollen wir diesmal zum Anlass nehmen, um mit Käthe Miethe auf Teneriffa den Pik zu erklimmen und damit einen weiteren Teil ihrer sechsteiligen Reportage von 1926 zu lesen.


Trotz „Schietwetter“ war 18 Teilnehmern das Kommen wert. Das ist vielleicht der Neugier auf Heinrich Hauser geschuldet, dem heute ziemlich vergessenen Tausendsassa aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Seine bewegte Biographie könnte heute ohne weiteres ein gutes Filmmanuskript hergeben. Was hat er nicht alles unternommen, wo war er nicht alles! Arztsohn, geboren in Berlin, aufgewachsen in Weimar, Notabitur und noch vor Ende des ersten großen Krieges 1918 Seekadett, Sympathien für die Revolution, anschließend im Maerckerschen Freikorps mit Einsätzen in Mitteldeutschland, arbeitet dann im Ruhrgebiet, fängt ein Ingenieurstudium an, muss es aber wegen eines Arbeitsunfalls abbrechen, beginnt zu schreiben, vorerst Reportagen, z.B. Schwarzes Revier, eine Fotoreportage als Ergebnis einer etwa 6000 km langen Autofahrt durch das Ruhrgebiet, studiert einige Semester Medizin, fährt zur See, ist zeitweilig Mitarbeiter der FAZ, sein zweiter Roman „Brackwasser“ bringt den Erfolg, auch den Gerhart-Hauptmann-Preis. Die Leser lernen ihn darin als begabten Erzähler kennen, der in einem neuen Stil schreibt, dem der Neuen Sachlichkeit, den die Literatur damals als Begriff von der Malerei übernimmt. In „Am laufenden Band“ beschreibt er die Autoproduktion bei Opel in Rüsselsheim. Mit einem Wohnmobil-Eigenbau fährt er mit seiner Familie quer durch Deutschland und schreibt darüber. Als Matrose kommt er auf alle Kontinente. Auf Einladung der Reederei Laeisz ist er 110 Tage an Bord der Pamir, mit der er um Kap Hoorn segelt, davon einen Film dreht und sein Tagebuch als Buch veröffentlicht, beides mit großem Erfolg. Das Unstete bleibt aber, insgesamt ist er fünfmal verheiratet, hat zwei Kinder, aber auch Männerfreundschaften. Nach 1933 sieht er zunächst im Nationalsozialismus die Verwirklichung eigener Überzeugungen. Seinem Fliegerbuch stellt er die Widmung „Hermann Göring, dem ersten deutschen Luftfahrtminister, Sieg Heil!“ voran, worauf der S.-Fischer-Verlag mit ihm bricht. Dann verhilft er aber auch zwei Jüdinnen zur Flucht, die seine Ehefrauen waren. 1938 muss er selbst fliehen, er emigriert in die USA. In New York fehlt es der Familie am Nötigsten. Anschließend versucht er sich zweimal als Farmer, ergebnislos. Er schreibt Reportagen, Technikbücher, auch Science-Fiction-Bücher, dreht Filme, setzt sich mit dem Nationalsozialismus auseinander. 1948 kehrt er nach Deutschland zurück, Henri Nannen hatte ihm die Chefredaktion des „Stern“ angetragen. Das geht aber nur wenige Monate gut. Heute nennt die Zeitschrift auch nur Henri Nannen als ihren ersten Chefredakteur (1948-1980). Hauser kann an seine Erfolge aus der Weimarer Zeit nicht mehr anknüpfen. Mit Technikliteratur und Werbung begleitet er das beginnende deutsche Wirtschaftswunder. Seelisch und körperlich geschwächt stirbt er frühzeitig, 1955, einige Autoren sprechen von Suizid.

In der heutigen Zeit hat eine gewisse Hauser-Renaissance begonnen. Einige seiner Bücher erfahren Nachdrucke, es gab eine große Fotoausstellung und 2001 erschien eine umfassende Biographie (Grith Graebner, 518 Seiten). Auf dem Fischland kam er uns im Zusammenhang mit Arbeiten zu Hedwig Woehrmann und Johann Jaenichen wieder mehr ins Bewußtsein, worüber Frau Dr. Billinger-Cromm berichtete.

In den Mittelpunkt des zweiten Teils stellten wir den Roman „Brackwasser“, dessen Handlung wir erzählten und daraus einige Textstellen lasen. Hauser schildert hier den vergeblichen Versuch des Matrosen Glen, das unstete See- und Hafenleben aufzugeben und sich zusammen mit Chiquita, einer Prostituierten, die er als Matrose während der Liegezeit der „Hispaniola“ im mexikanischen Tampico kennenlernt und in die er sich verliebt, eine Existenz an Land aufzubauen. Er nimmt sie im Frühjahr mit auf die Heimreise und will mit ihr in seinem Haus am Bodden ein neues Leben beginnen. Sie schaffen es aber nicht über den ersten Winter und müssen froh sein, dass sie aus Sturm, Schnee und Eis gerettet werden. In Hamburg trennen sie sich wieder, Glen heuert diesmal auf einem Schiff an, das nach Niederländisch-Indien geht.

Obwohl anfangs angekündigt, fiel die Lesung des aktuellen Fundstücks aus der Teneriffa-Reportage von Käthe Miethe schließlich aus, was an unserer Unachtsamkeit lag. Entschuldigung!

Für die nächsten Ahrenshooper Literaturtage haben wir die Buchpremiere von „Zu den „Glücklichen Inseln““ angekündigt. Der bisher gespendete Zuschuss zu den Druckkosten beläuft sich auf 2100 €. Danke!


Cookie Consent mit Real Cookie Banner