Der zarte Faden der Schreibverwandtschaft und ein Dichter des Meeres

Lesung und Gespräch mit Steffen Marciniak und Ullrich Grasnick, Berlin

Ulrich Grasnick und Steffen Marciniak, der eine Lyriker, der andere Buchhändler, Antiquar und selbst Lyriker, beide aus Berlin, haben in ihren Werken stets auch dem Meer einen Platz gegeben. Für Grasnick war 1977 eine Begegnung mit Marc Chagall prägend, die ihn immer wieder die Berührungen zwischen Malerei und Poesie ausloten ließ. Heute ist er selbst Preisgeber eines Lyrikpreises. Zu seinem 85. Geburtstag erschien eine von Steffen Marciniak herausgegeben Lyrikanthologie. Marciniaks Arbeiten selbst wurzeln oft in der griechischen Antike, entstanden aus einer langjährigen Beziehung zur Insel Kreta. Eine andere Beziehung könnte bei unserer Begegnung ebenfalls auf Interesse stoßen: In der Familiengeschichte Steffen Marciniaks gibt es genealogische Fäden zur Familie Miethe. Nachdem vor Jahren Poesie und Lyrik schon, wenn auch selten, bei Stammtischen mit Heidi Bergmann und Brigitte Fretwurst auf dem Programm standen, freuen wir uns auf diese erneute Begegnung.


Es fing ungewöhnlich an: Da kommt man ins Museum und hört Musik, Klaviermusik, live. Ulrich Grasnick, einer der Protagonisten des Abends, hat sein Glas Rotwein abgestellt, sitzt am Klavier und spielt „so für sich hin“. Schön! Und noch eine Ungewöhnlichkeit: Kaum haben wir uns begrüßt, drückt er mir ein Buch als Geschenk in die Hand, erläutert mir die Frau auf dem Umschlag, seine bereits 2009 verstorbene Frau Charlotte, gezeichnet von Dieter Goltzsche, die er gerade als Goltzsche-Druckgrafik im Angebot des Hauses gefunden hat, gerahmt, an der Bücherwand des Museums.

Anfang eines schönen Abends. Ulrich Grasnick und Steffen Marciniak nehmen uns in ihrer Lyrik mit in unterschiedlichste Bereiche, moderiert und mit sicherer Hand durch den Abend gelenkt von Almut Armélin, die auch immer wieder Eigenes beisteuert.

Dem heute 86-jährigen steht die Sprache als Handwerkszeug souverän zur Verfügung, oft mit minimalistischen Mitteln zeichnet er beeindruckende Bilder von hoher Ausdruckskraft. Dabei sind die angefügten Erläuterungen zu Entstehung, Umfeld und heutiger Sicht auf die Texte nicht nur ein Einblick in die „Werkstatt“, sie runden ab, machen Blicke in das Innenleben möglich. Zu Käthe Miethe trägt er eigene Texte vor, ebenso zu Peter E und anderen „Ahrenshoopern“. Wir sind mit ihm in Nidden und Tilsit bei Thomas Mann und Johannes Bobrowski, hören von den in der Wanderdüne aufgetauchten Kreuzen und vom heutigen Stand Bobrowskis in seiner Heimatstadt.

Ebenso zog uns Steffen Marciniak in seinen Bann, der uns in den Süden mitnahm, in seine antiken Welten. Auch hier Einblicke in das Schaffen, das in der Vergangenheit auch oft ein gemeinsames war. Interessant am Rande: Steffen Marciniak hat eigene verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie Miethe aufdecken können. Das vertieften wir noch während einer Nachsitzung in Wustrow.

Sowohl Ulrich Grasnick als auch Steffen Marciniak haben Literaturpreise gestiftet, die sich besonders an den Nachwuchs wenden und bei denen z.B. dem Preisträger das Publizieren der Texte in einem eigenen Band winkt.

Seit 48 Jahren leitet Ulrich Grasnick in Berlin literarische Kreise, Zirkel, Salons. Welche Leistung! Uns versprach er für das nächste Jahr ein Wiederkommen, bei dem er sich Johannes Bobrowski widmen möchte. Das hörten wir sehr gern.

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