mit Manfred Gütschow, Berlin/Wustrow
Im zweiten Teil seines Berichts über Wustrow im vergangenen Jahrhundert geht Manfred Gütschow einen Schritt weiter in die Vergangenheit. Gegenstand sind nun die Jahre der Weimarer Republik, die Vorkriegs-, Kriegs- und danach die (kurze) Kosakenzeit.
Unmittelbare Berichte noch lebender Zeitzeugen über diese Jahrzehnte werden immer seltener. Wir freuen uns deshalb sehr, dass Herr Gütschow uns noch einmal auf diese Zeitreise mitnimmt, aber auch darüber, dass die Verschriftung seiner Berichte bald in Buchform vorliegen wird.
Der hauseigene Parkplatz füllte sich schnell, Malchens Café auch, 31 kamen, hörten manch Neues über eine schon ziemlich vergangene Zeit, die sie auch noch in seltenen Bildern wahrnehmen konnten. Es war m. E. – u. E. kann ich erstmals nicht schreiben, da „Öming“ Gisela mit unserem 7-jährigen Roque in Wustrow blieb – ein gelungener Abend.
Die große Zeit, die für die Wustrower Segelschiffkapitäne und ihre Mannschaften oft auch eine „goldene“ war, wenn auch manch einer auf See blieb, nahm an diesem Abend noch einmal Gestalt an: die Kapitänshäuser mit ihren Kapitänsbildern in der guten Stube, die vornehmen Sitten und Gebräuche, das damalige Dorfleben. Dann kam die Dampfschiffzeit, einige Schiffer wollten durchaus nicht mit der Zeit gehen, die Große Straße in Wustrow schied trotzdem weiter West von Ost, das junge Volk führte sogar Krieg gegeneinander – Manfred Gütschow mitten drin, auch als Anführer, viel Schabernack und Mutproben, das Erklettern des Kirchturms am Blitzableiter, der Erdbeerraub in Pastors Garten, der den Delinquenten aber einen großen Durchfall bescherte.
Der aufkommende Fremdenverkehr brachte neues Geld ins Dorf, auch für die Jugend, die das Gepäck der Sommerfrischler vom Hafen oder später von der Bushaltestelle zu den Unterkünften transportierte. Hotels entstanden, die es heute meist nicht mehr gibt. Die Arbeitslosigkeit blieb trotzdem groß.
Die neuen Heilsversprechungen fanden zu Beginn der 1930-er Jahre manche offene Ohren, klangen gut, nahmen aber bald soviel Fahrt auf, dass es 20 Jahre nach dem verlorenen Krieg wieder auf einen neuen Krieg hinauslief, dessen Ende dann noch viel schlimmer war. Aus diesen Jahren gab es von Manfred Gütschow, Jg. 1928, viel Neues zu erfahren, viele Einzelheiten, zu denen es anschließend für das fragefreudige Publikum auch noch längere Ergänzungen gab. Nun lernten wir Ataman Aftunjuk, der uns schon beim ersten Vortrag begegnet war, aus der Wustrower „Kosakenzeit“ richtig kennen, auch seinen General, der zur Inspektion kam, und das Verhalten der Wustrower in jener Zeit, Licht und leider auch viel Schatten, Verhaftungen, Ortsgefängnis mit Erdlöchern als Zellen, Internierung in Fünfeichen, Gulag, Erschießungen, auch Arbeiterfunktionäre waren davor nicht geschützt, wie z.B. ein aus Wustrow stammender Delegierter zum KPD/SPD-Vereinigungsparteitag 1946 in Berlin, der im Admiralspalast mit drei weiteren Delegierten gegen die Vereinigung zur SED gestimmt hatte.
Im Frühjahr 2022 werden Manfred Gütschows Erinnerungen als Buch erscheinen. Er versteht sie als (inzwischen dritte) Fortschreibung des Buches „Das Land Swante Wustrow oder das Fischland“ von Peters, das er seinerzeit als Geschenk zur Konfirmation erhalten hatte und das ihn sein ganzes bisheriges Leben über begleitete. Wir können gespannt sein, auch auf seine plattdeutschen Gedichte.


